Der Code

Es regnet in Berlin Mitte. Justin ist auf dem Weg zum Meeting seines Lebens. Er ist Bio-Informatiker und darf einem Ableger von Google seine App-Entwicklung vorstellen. Im heftigsten Regenguss ever stellt er sich kurz in einem Laden unter.

Es ist die Buchhandlung von Irene. Sie versucht es damit, Bücher zu verkaufen, denn sie liebt Bücher und hat sich darauf spezialisiert jeden, der reinkommt individuell zu beraten und ein Buch zu finden, das zu ihm passt. Justin kann damit grad nichts anfangen. Er findet Bücher sowieso lächerlich anachronistisch. Allerdings kann er Irene mit seinem wasserdichten Fair-Phone für über Tausend Euro auch nicht beeindrucken.

Es regnet immer noch, aber Justin muss jetzt los. Da gibt es plötzlich einen Stromausfall. Die elektronische Eingangstür des Ladens ist verschlossen und lässt sich nicht mehr öffnen. Justin hat keine Zeit mehr, hier ist ein Funkloch, das WLAN läuft nicht, weil Irenes Freund Mark das Passwort geändert hat und sie ihn nicht kontaktieren kann oder will – und die Akkus seiner Geräte halten höchstens noch ein paar Stunden. So lange wird es hoffentlich nicht dauern.

So lange dauert es. Und Irene und Justin müssen miteinander klar kommen. Inmitten hunderter Bücher erfährt Irene, was es mit Justins App auf sich hat. Mit dieser App kann jeder einfach und schnell seinen individuellen Gen-Code erfahren und wie er zusammen hängt mit dem Rest der Menschheit. Irene lernt einiges über ACGT und wie man aus den 0,001 Prozent Gen-Code, der bei jedem Menschen unterschiedlich ist, seinen Stammbaum rekonstruieren kann. 

Und Justin erfährt, dass Mark Irene betrügt, sie ihn aber nicht damit konfrontiert, dass sie es weiß. 

Weil man jetzt eh Zeit hat, trainiert Irene mit Justin das Vorstellungsgespräch und Justin mit Irene das Beziehungsgespräch. 

Zu essen gibts nichts, aber Irene hat noch etwas Gras da. Papier gibts ja genug. Und da die Heizung auch irgendwie nicht läuft, werden einfach die doofen Bestseller verbrannt. Und die beiden verlorenen Wanderer lernen. Sich kennen und lieben…

 

PAUSE

 

Irene verhütet nicht. Justin ist das unbegreiflich und findet das unverantwortlich. Wird schon nichts passiert sein. Aber was, wenn doch? Was genau passiert da eigentlich bei der Zeugung eines Kindes?

Es steckt so viel Wissen in Justins App und in Irenes Büchern. Aber was, wenn Wissen nur in der Hand von ein paar Mächtigen ist? So wie im Mittelalter, als nur die Privilegierten lesen konnten. Oder so wie heute, wo nur Konzerne wie Google wissen, was man mit Daten wie dem Gen-Code eines Menschen machen kann.

Plötzlich hat Justin eine Befürchtung. Was, wenn der Stromausfall und die verschlossene Tür kein Zufall sind? Wenn aufgrund seiner Bewerbungsmails Google oder andere Mächte bereits von seiner Entdeckung wissen und sie sich jetzt gewaltsam holen wollen?

Mit dieser Erkenntnis wird der Buchladen aus einem Gefängnis zu einer Festung. Die Bücher werden vor die Fenster gestapelt, damit niemand reinschauen kann. Das sündteure Handy wird zerstört, damit Justins Wissen nicht in falsche Hände gerät. Im Grunde ist er so was wie der Erfinder einer neuen Atombombe. Er selbst ist bereit sich zu opfern, um die Menschheit zu retten.

Da geht plötzlich die Tür auf. Draußen scheint friedlich die Morgensonne.

Irene hat die SMS, mit der sie mit Mark Schluss macht mit Justins Hilfe verfasst und verschickt. Mark stellt fest, dass der Termin bei Google nicht 8 Uhr abends, sondern morgens ist. Er hat also noch Zeit.

Sie verabschieden sich.

Doch Justin kommt wieder.

„Möchten Sie ein Buch kaufen?“

„Was können Sie mir denn empfehlen?“

Tom van Hasselt

Text & Musik

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Frei zur Uraufführung